Slackline

Seit einigen Jahren stehe ich auf den unterschiedlichen Arten der Slackline herum. Im Sommer naturgemäß mehr, als im Winter. Mittlerweile bin ich gänzlich dazu übergegangen, auf Rodeolines, auch Schlappseile genannt, unterwegs zu sein. Sie bestechen durch die Einfachheit des Aufbaus, denn sie werden nicht vorgespannt, bieten aber gerade deswegen auch eine nicht zu unterschätzende Komplexität beim Erlernen.

Das Schlappseil, im Gegensatz zur Slackline ist recht alt und gehört zu den fast klassischen Dingen, die man vorgeführt bekommt, wenn man sich in einen Zirkus begibt. Hier z. B. ist ein youtube-Video, das den russischen Clown Oleg Popow 1967 zeigt. Er demonstriert seine Schlappseilkünste zum Anlass der Eröffnung des Moskauer Fernsehturms. Die Fedec, Fédération européenne des Ecoles de Cirque professionnelles stellt auf ihrer Seite neben anderen ein Skript zur Verfügung, in welchem Grundlagen des Hoch-, und Schlappseils für Zirkusartisten dargestellt werden.

Zunächst einmal gilt aber für Slackliner, dass man, bevor man sich auf ein Schlappseil zu stellen versucht, sich auf einer gewöhnlichen Slackline gut fühlen sollte. Diese Zwischenstufe erleichtert das Lernen deutlich. Folgende Fertigkeiten sollte man, wie ich glaube, auf einer gewöhnlichen Slackline (Länge etwa 20 m, Durchhang etwa 1 m) als Vorbereitung auf die Rodeoline ins Auge fassen:


Während man auf einer Slackline die Lage noch dadurch retten kann, dass man das freie Bein als Gegengewicht nutzt, ist dies auf einer Rodeoline nur sehr schwer, und am Anfang wohl überhaupt nicht möglich. Ich schlage vor, auf einer Rodeoline von Anfang an beidbeinig zu stehen. Es ist einfacher und ergibt einen recht stabilen Stand.

Die ersten Empfindungen auf einer Rodeoline sind der Tatsache geschuldet, dass man diese mit dem eigenen Gewicht spannt und ihr dadurch die Form eines umgedrehten Dreiecks verleiht. In der Spitze dieses Dreiecks steht man mit seinen Füßen. Man stellt dabei fest, dass es jetzt durchaus darauf ankommt, wie der Fuß gestellt ist, ob man eher die Ferse belastet, oder eher den Fußballen. Die Line gibt bei Änderung dieser Belastung nach. Natürlich kommt es nun auch darauf an, welchen der Füße man belastet. Auch wenn beide Beine auf der Line stehen, lastet das Gewicht des Körpers nur auf einem (Tänzer sprechen da vom Standbein). Der zugehörige Fuß, der Standfuß also, sollte waagerecht sein, d. h. man sollte die Ferse und den Fußballen gleichmäßig belasten. Der freie Fuß steht davor oder dahinter auf den schrägen Stücken der Line, und berührt diese nur. Das ist sozusagen die Grundstellung.

Das Aufsteigen auf eine Rodeoline ist ein krtischer Moment. Bewährt hat sich die folgende Technik. Man stellt einen Fuß entlang der Line locker auf sie (Fuß nie querstellen!). Dadurch ist sie schon leicht gespannt. Nun kann man den Fuß nach links und rechts zusammen mit der Line bewegen (nicht vor und zurück auf der Line!). Das typische Problem ist nun, dass nach dem Abspringen die Line unter einem sich in die eine, und man selbst über ihr in die andere Richtung bewegt, und diese Bewegung recht schnell dadurch beendet ist, dass man, einem Sturz vorbeugend, abspringt. Das liegt aber daran, dass man (ungewollt) schräg abgesprungen ist. Ist die Line zu Beginn leicht aus der vertikalen Ebene ausgelenkt, in der sie von selbst hängen würde, so wird sie, sobald der andere Fuß den Boden verlassen hat, zurückschwingen wollen. Dadurch ergibt sich die besagte Bewegung der Line unter einem. Das Problem ist nun, dass man, wenn man selbst da steht, unmöglich genau sagen kann, ob die Line jetzt vertikal hängt, oder ob man sie durch Daraufstellen des Fußes leicht ausgelenkt hat. Durch leichtes, ganz kurzes Abspringen vor dem eigentlichen Aufsteigen kann man den Ansatz dieser Schwungbewegung der Line spüren, und dann die Startposition für den Aufsteig leicht korrigieren. Dieser geschieht dann durch ein voles Belasten des Fußes auf der Line und ein schnelles Hinstellen des anderen davor oder dahinter unbelastet auf die Line.

Insgesamt sollte man etwas in die Knie gehen, schon beim Aufstieg das Bein nicht ganz durchdrücken und die Arme nach beiden Seiten ausstrecken. Die Balance findet man allerdings nicht unbedingt mit ihnen. Für viel wichtiger erachte ich es zu lernen, den Ausgleich mit dem Oberkörper zu machen. Will man üben, so stelle man sich auf gewöhnlich festen Boden gerade hin, und versuche, sich seitlich hinunterzubeugen, so als wolle man eine sich seitlich an der Hose befindliche Knietasche erreichen. Dabei darf man sich aber nicht nach vorne beugen, sondern nur zur Seite. Wenn man mit den Fingerspitzen die Seite des Knies erreicht hat, ist man schon fast zu weit, denn so viel beugen muss man sich nicht, wenn man Ausgleich auf der Rodeoline sucht. Beugt man sich dabei nach links, geht das Becken ein Stück nach rechts, und andersherum. Gewöhnt man sich an diese Bewegung, sollte man nun die Arme seitlich ausstrecken, und sich, wenn man noch unsicher ist, vielleicht erst beidbeinig in die Mitte einer gewöhnlichen Slackline stellen. Die Amplitude der Ausgleichsbewegungen nimmt mit der Zeit ab. Im Prinzip kann man auf lange Sicht sowohl auf der Rodeo-, als auch auf der gewöhnlichen Slackline dann gänzlich auf die Arme verzichten, und z. B. in den Händen ein Getränk und eine Zeitung mit auf die Line nehmen.

Will man auf dem Schlappseil einen Schritt machen, so hat dieser Prozess zunächst einmal nichts mit einer Bewegung der Beine zu tun, wie oft irrtümlich angenommen wird. Hat man etwa den rechten Fuß belastet und den linken unbelastet vor sich auf die schräge Line gestellt, so ist der eigentliche Schritt lediglich der Wechsel des Standbeins — man belastet den vorderen und entlastet den hinteren. Als Resultat sollte man dann auf dem linken Bein stehen, und der rechte Fuß sollte sich dem schrägen Ende der Line hinter einem anschmiegen. Bei diesem Wechsel des Standbeins erfährt man auch das wesentliche Element des Schlappseilbegehens: man gewinnt (oder verliert) an Höhe. Bewegt man sich in der Nähe eines der Aufhängepunkte auf diesen zu, so steigt man mit jedem Schritt diesem beträchtlich entgegen. Man sollte sich an diese Eigenschaft der Rodeoline gewöhnen.

Denn sie bringt eine Schwierigkeit mit sich. Da man unter Umständen recht viel Kraft investieren muss, um das schräge Stück der Line vor einem durchzudrücken und den Standfuß dadurch zu wechseln, sollte man, wenn man einem der Aufhängepunkte zusteigt, mit dem ganzen Körper auch etwas in seine Richtung (also nach vorn) geneigt sein, sonst kann es passieren, dass man zwar den Standfuß zu wechseln schafft, die Line einen aber sofort wieder zurückdrückt. Gleichsam sollte man, wenn man aus größeren Höhen hinuntersteigt, etwas nach hinten gelehnt sein, um wieder dem nächsten Aufhängepunkt der Line zugeneigt zu sein, andernfalls wird der Abstieg durch das "Mithelfen" der Line zu schnell und man wird nicht die Zeit haben, in Ruhe die Balance zu halten und die Füße korrekt zu versetzen. Analoges gilt beim Rückwärtsgehen.

Natürlich gehört zum Prozess des Voranschreitens auch irgendwann eine tatsächliche Bewegung des unbelasteten Beins, welches dann von vorn nach hinten oder von hinten nach vorn geführt wird. Das ist aber nicht der eigentliche "Schritt", obgleich ein äußerer Betrachter das eventuell so sehen würde. Bei dieser Bewegung bleiben der Körperschwerpunkt und der belastete Fuß dort, wo sie waren, und nur der freie Fuß wechselt schnell seine Position. Die Betonung liegt dabei auf schnell. Dieser Wechsel braucht etwas Übung, bevor er gefahrlos von statten gehen kann. Dabei sollte man ihn in allen vier Positionen auf der Rodeoline üben — jeweils vorwärts und rückwärts beim Hoch- und Hinuntersteigen. Der Fuß muss stets gerade aufgesetzt werden, die Line also unter der Ferse und etwa unter dem großen Zeh.

Man kann mit der Zeit vieles lockern, denn natürlich kann man auch quer auf einer Rodeoline stehen, man kann einbeinig darauf stehen, und man wird irgendwann gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, dass die Stellung des Fußes oder die Neigung des gesamten Körpers von Bedeutung sind, beides wird zum Automatismus. Wie immer sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Als Ideen kann man neben dem etwas komplexeren Querstellen bzw. Schwingen erst einmal die verschiedenen Arten des Drehens und des Hinsetzens üben. Nur mit Sprüngen auf dem Schlappseil habe ich bisher relativ schlechte Erfahrungen gemacht.


Ein letzter Hinweis: Bemüht euch, eure Lage immer genau einzuschätzen und euch nicht zu Übermut hinreißen zu lassen. Gerade auf einer Rodeoline bezahlt man unbedachte Bewegungen schon Mal mit einer ungehemmten Begegnung mit dem Boden.

Ich freue mich über Hinweise, Erfahrungen und Kommentare!



Last modified: Sun Dec 31 13:26:39 CET 2017